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Wittenberg 1502–1817
In den ersten beiden Jahrzehnten ihres Bestehens strahlte
die Universität Wittenberg, von den Humanisten „Leucorea“
(λευκός = weiß; őρος = Berg) genannt, vor allem durch das
Wirken der Reformatoren Martin Luther und Philipp Me-
lanchthon. Einer späteren Überlieferung zufolge soll Luther
am 31. Oktober 1517 seine berühmten 95 Thesen gegen den
Ablass an die Tür der Wittenberger Schlosskirche geschlagen
haben. Dieses Ereignis gilt traditionell als Beginn der Refor-
mation. Durch die von Philipp Melanchthon konzipierte und
durchgesetzte Universitätsreform avancierte Wittenberg,
an humanistischen Bildungsidealen gemessen, zu einer der
modernsten Hochschulen Europas. Die Zahl der Immatriku-
lationen war entsprechend hoch. An ihren vier klassischen
Fakultäten (Theologische, Juristische, Medizinische, Artisti-
sche Fakultät) – das war die sich am großen Vorbild der welt-
berühmten Universität von Bologna orientierende Struktur
aller alten kontinentaleuropäischen Universitäten – wirkten
namhafte Theologen, Juristen, Mediziner, Philosophen, Phi-
lologen und Naturwissenschaftler. Nachdem das Gebiet um
Wittenberg 1815 an das Königreich Preußen gefallen war,
verfügte der preußische König 1817 die Vereinigung der Uni-
versität Wittenberg mit der 1694 gegründeten Universität
Halle.
Halle 1694–1817
Die Universität Halle hatte zunächst nichts mit der Wittenber-
ger Universität zu tun. Infolge des Übergangs Halles an den
kurbrandenburgischen Staat im Jahre 1680 waren günstige
Voraussetzungen entstanden, um 1694 im Süden des Kur-
staates, nicht zuletzt als modernes Gegengewicht zu Witten-
berg und Leipzig, eine neue (kurbrandenburgische) Universi-
tät zu errichten. Die Juristen Christian Thomasius und Samuel
Stryk, der Mathematiker und Philosoph Christian Wolff sowie
der Theologe August Hermann Francke stehen am Anfang
der brandenburg-preußischen Reformuniversität Halle, wel-
che sich zum Zentrum der deutschen Frühaufklärung ent-
wickeln sollte. Von dem vorherrschenden Toleranzprinzip
zeugen die Promotion der ersten Frau, Dorothea Christiana
Erxleben aus Quedlinburg, zum Dr. med. (1754) und die Zu-
lassung eines Afrikaners, Anton Wilhelm Amo aus Ghana, zur
Durchführung philosophischer Vorlesungen (1736). An allen
vier klassischen Fakultäten (versinnbildlicht durch die Wand-
gemälde im zweiten Obergeschoss des „Löwengebäudes“)
waren hervorragende Lehrer und Forscher tätig.
Hof der Wittenberger Universität mit Studenten, aus der Matrikel der Univer-
sität Wittenberg, Semestertitel zum Wintersemester 1644/45, ULB Halle Yo6
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Die Geschichte der Universität
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